Die 4-Uhr-Aufsteherei
20. January 2012 18:35 von JasonWer mir auf der Tweetybox folgt wird es wohl schon mitbekommen haben, ich bin in der vergangenen Woche jeden Tag um 4 Uhr morgens aufgestanden, am Montag erst noch künstlich beatmet und danach zunehmend leichter. Und das wird sogar noch die nächsten beiden Wochen so weitergehen.
Ich mache das natürlich nicht wirklich freiwillig. Der Grund dafür ist recht banal. Die Bahn (das sind die die von VW feindlich übernommen werden wenn die noch einmal nicht in Wolfsburg halten, hoffe ich jedenfalls) baut zwischen Hannover und Göttingen an den Gleisen, weshalb es zu langsameren Zügen und somit zu Verschiebungen im Fahrplan kommt. Aus irgendeinem Grund sollen die Fahrgäste ab Göttingen südwärts davon nichts mitbekommen und so wird die gesamte Verzögerung zwischen Hildesheim und Berlin ausgeglichen.
Für mich bedeutet das: Morgens eine halbe Stunde später los und Abends eine halbe Stunde früher zurück. Passt aber natürlich nicht zu meinen Arbeitszeiten. Also einen Zug früher hin oder einen Zug später hin. Weil aber Wolfsburg für die Bahn eher unbedeutend ist halten die meisten Züge dort nur im 2-Stunden-Takt. Was wiederum für mich bedeutet: 2 Stunden früher aufstehen oder 2 Stunden später zu Hause. Letzteres wohlgemerkt mit dem letzten ICE der Wolfsburg in Richtung Süden verlässt. Wegen der Chance somit auf dem Heimweg noch Tageslicht und offene Läden vorzufinden habe ich mich für die Weckerkaskade und Erster-im-Büro-Status entschieden.
Nun könnte jemand schlaues ja auf die Idee kommen dass es neben dieser ICE-Verbindung auch Optionen geben könnte. Die gibt es sogar. Zwei Regionalbahnen, jeweils von Braunschweig aus, fahren nach Hildesheim und Wolfsburg – auch im Zweistundentakt. Die resultierende Fahrzeit muss aber den Vergleich zur Fahrradnutzung suchen um noch positiv auszusehen.
Ein noch schlauerer Mensch kam auch mal auf die Idee zwischen Hildesheim, Braunschweig und Wolfsburg einen durchgängigen, Milchkannen-meidenden Regionalexpress fahren zu lassen. Der würde sogar die selben(!) Fahrzeiten wie der ICE schaffen. Aber der passt leider nicht mehr auf die Gleise. Die Strecke – auf der der gesamte nach Süden gehende Verkehr aus dem kleinen Dorf nahe Potsdam läuft – ist nämlich nur eingleisig. Und das kam so:
Der eine Teil ist eine vom König von Hannover unerwünschte, quasi feindlich gesonnene, deswegen lange verhinderte und seitdem vernachlässigte Rumpelstrecke die eher aus Versehen elektrifiziert wurde (Der ICE schafft hier eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 90km/h). Die Regionalbahn braucht u.A. deswegen so lange weil sie ständig auf durchfahrende ICEs warten muss. Wenn die RB aber selber mal Verspätung hat muss eben auch der ICE mal bis zu 15min warten… Die Situation ist deswegen so: Der ICE kommt fast nie unpünktlich in Hildesheim an, aber kommt auch fast nie pünktlich aus Hildesheim raus.
Der zweite Teil ist die Weddeler Schleife, eine Stahl gewordene Sparmaßnahme von 1997 die Braunschweig mit Berlin verbinden sollte nachdem schon Magdeburg zugunsten von Wolfsburg gestrichen wurde (Wird scheinbar seitens der Bahn als Fehler angesehen und heute noch an Wolfsburg ausgelassen). Um etwas Geld zu sparen (ca. 17-25% lt. Wikipedia) wurde das zweite Gleis ohne Schienen gebaut ("da fahren wir dann eh nicht lang" oder so). Während die Verbindung zur Schnellfahrstrecke Hannover-Berlin gut ausgebaut ist (Schnellfahrweichen bis zu 160km/h) ist der Rest eher mäßig (Der ICE macht 120km/h im Schnitt) und ebenerdig eingefädelt bei Braunschweig (warten auf passierende Regionalbahnen und Draisinen).
Zusammen sind diese beiden eingleisigen Strecken weit über die Region hinaus aus Verspätungsgarantien bekannt.
Der oben angesprochene RE wird übrigens ab ca. 2014 tatsächlich eingesetzt, wenn nämlich beide Teilstrecken doppelgleisig ausgebaut worden sind damit der ICE nicht mehr auf Regionalbahnen warten muss sondern nun hinter Güterzügen hinterher tuckern darf. (Ausbau zur Hauptgüterstrecke für die Ost-West-Richtung)
Hmm, etwas vom Thema abgekommen. Beileidsbekundungen gerne in gewichtiger Form auf jedwede Verkehrspolitiker werfen. Man merkt das Mißstände in der Politik nicht dem Zufall überlassen werden, die wurden in sorgfältiger Kleinarbeit an der Verkehrspolitik erprobt und verfeinert.
