Nicht Wissen

von Jason

Als Taxifahrer bekommt man immer auch ein wenig über das Leben der Fahrgäste mit. Sei es nun, dass sie einem gleich erzählen, was sie gerade erlebt haben oder man gerade direkt mitbekommt, was los ist. Für einen kurzen Zeitraum begleiten wir unsere Fahrgäste auf dem Weg durch ihr Leben. Kennen (meist) keinen Namen, das Gesicht auch nur aus dem Augenwinkel – und erfahren manchmal recht viel, führen interessante Gespräche, geben Tipps oder hören einfach zu.

Bis wir am Ziel angekommen sind, der Fahrgast bezahlt und aussteigt. Und man nie wissen wird, wie es weitergeht. Bei der Mutter, die man aus der Kinderklink abholt, dem streitenden Pärchen aus der Disko, dem Lebemann, der in die Jahre kommt… und vielem mehr, was man manchmal erfährt ohne es zu wollen.

Und immer weiss ich hinterher nur eines: Das ich niemals den Rest erfahren werde und das meiste am besten gleich wieder vergesse. Glücklicherweise hilft die Erschöpfung nach dem Arbeitstag dabei.

Aber wenn man für die Blutbank fährt, geht einem doch so einiges unter die Haut. Die meiste Zeit transportiert man zwar nur kleine, weisse Behälter, gibt sie im Stationszimmer ab und ist weg… Aber eben nur meistens.

Man weiss mit der Zeit wofür die Stationen zuständig sind, bekommt völlig unnötigerweise Namen und Alter der Patienten mit…Besonders in der Kinderklinik, auf den Intensivstationen…

Wenn man eine ganze Nacht hindurch 8 Fahrten mit mehr als 16 Behältern für einen einzigen Patienten auf der Intensivstation bringt, sogar bis zum Patienten hin, weil alle Schwestern mit ihm beschäftigt sind dann fühlt man schon mit. Und irgendwann in der Nacht hören die Anrufe der Blutbank auf. Und ich habe bis heute nicht erfahren, ob der Patient überlebt hat oder alles Blut nichts geholfen hat.

Ein anderes mal fährt man zur Blutbank und bekommt nur mitgeteilt, dass der Auftrag storniert wurde, "Patient ist gestorben". Ende der Geschichte, mehr werde ich nicht erfahren.

Nicht wissen, ich muss damit leben und weiterarbeiten. Immer nur kleine Ausschnitte vom großen Film des Lebens. Glücklicherweise ist es nur selten so dramatisch wie oben beschrieben.


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